18. Aug, 2015

Calico

Mit der Firma Calico will Google die behäbige medizinische Forschung auf Start-up-Tempo beschleunigen. Ultimatives Ziel: das menschliche Leben verlängern, vielleicht für die Ewigkeit. Was der Suchmaschinist plant - und wie seine Chancen stehen.

 Hamburg - 3000 Jahre vor Christus suchte König Gilgamesch nach einer magischen Pflanze, die ihm ewiges Leben beschert. Im 13. Jahrhundert schrieb der britische Philosoph Roger Bacon, der Atem männlicher Jungfrauen könne den Prozess des Alterns verlangsamen. Die Firma Alcor indes hat inzwischen mehr als 100 Leichen eingefroren, in der Hoffnung, sie bei voller Gesundheit wiederherstellen zu können, wenn die Wissenschaft weiter ist.

 Das Streben nach langem Leben, der Traum von der Unsterblichkeit, ist wohl so alt wie die Menschheit. Für die Forschung ist er die Machbarkeitsgrenze, für Unternehmer der größte denkbare potentielle Massenmarkt. Wer Produkte gegen das Altern verkauft, hat so ziemlich jeden als Kunden, der morgens aufsteht und sich des Lebens erfreut.

 Millionen von Menschen erliegen den falschen Hautglättungsverheißungen der Anti-Aging-Industrie oder den Betrugsversuchen dubioser Firmen, die - gegen entsprechende Bezahlung - versprechen, mit selbstgespritzten Stammzellen so ziemlich jede Krankheit zu heilen.

Nun aber will ein neuer Konzern mitmischen und das Rätsel ewigen Lebens mit mathematischer Kühle lösen. Google , der Suchmaschinenkonzern, sucht nach dem Algorithmus der Unsterblichkeit. Nicht weit von seinem Hauptquartier in Mountain View, Kalifornien, hat der IT-Riese die Firma Calico gegründet. Deren Boss, Art Levinson, Ex-Chef des Biotechnologiekonzerns Genentech, bekommt dafür eine unbestimmte Summe aus Googles Milliarden-Schatztruhe und ein kleines Team.

Können Daten Krebs heilen?

Das klingt zunächst wie ein Hirngespinst à la Fahrstuhl zum Mond, auch der wird gerüchtehalber in Googles Geheimlaboren gebaut. Tatsächlich wagt Google einen rationalen Vorstoß in einen Zukunftsmarkt. 2012 wurde der Markt für sogenannte regenerative Medizin auf gut 1,6 Milliarden Dollar geschätzt; bis 2025 könnte sich sein Volumen einigen Analysten zufolge mehr als verzehnfachen. Denn die Forschung nähert sich dem Thema Langlebigkeit inzwischen nicht mehr nur mit Esoterik

Das Stichwort lautet Big Data: die Suche nach bislang verborgenen Zusammenhängen und Mustern durch die systematische Auswertung gigantischer unstrukturierter Datenmengen. Manche Fondsmanager, sogenannte Quants, treffen so milliardenschwere Kaufentscheidungen. Warum also, sowohl die Google-Logik, sollte im Universum medizinischer Daten nicht auch die Formel für die Krebsheilung verborgen sein? Zumal schon jetzt viele Anwendungen des Unternehmens auf diesem Prinzip fußen.

 

Google-Chef Sergey Brin hat erst kürzlich einige Millionen in das Start-up 23andMe investiert, das eine Datenbank für Genome erstellt. Glaubt man dem IT-Blog "TechCrunch" und dem "Time Magazine", das mit Brin exklusiv über Calico gesprochen hat ("Google vs. Death"), sollen Levinson und sein Team mit dem mächtigen Serverpark des Suchmaschinenkonzerns womöglich die Datenbestände der Alterskrankheiten Forschung neu durchleuchten. Im Silicon Valley, wo Google residiert, ist die Biotechnologiebranche neben IT und erneuerbaren Energien seit Jahren das dritte große Betätigungsfeld der Wagniskapitalgeber. Levinsons Ex-Firma Genentech, heute eine Roche-Tochter, hat diese Branche in den siebziger Jahren mitgegründet. Als Mitglied des Genentech Scientific Research Board hat Levinson einen guten Überblick über vielversprechende Ideen in diesem Sektor.

Das Leben um Jahrzehnte verlängern

Morgen beende ich dieses Thema mit der Gretchfrage: Wieso altern wir? Wie ist Eure Meinung zu meinem Wunschtraum? Bitte diskutiert in meinem Gästebuch.