22. Mrz, 2018

Gehirndoping der Manager

Dieser Beitrag ist eine passende Ergänzung zu den beiden vorherigen Beiträgen. Er zeigt die Verlogenheit in einer kapitalistischen Leistungsgesellschaft, wo der Profit bringende Gewinn  und die Börsenkurse wichtiger als alle gesundheitlichen und sozialen Belange sind.  Was für eine Heuchelei nur Spitzensportler an den Pranger zu stellen

 Mit Drogen pimpen Manager ihr Gehirn

Der Drang zur Selbstoptimierung erreicht das Gehirn. Immer mehr Leistungsträger nehmen Pharmazeutik zur Leistungssteigerung.

 

Pharmazeutische Möglichkeiten der Selbstoptimierung

Das sogenannte Neuro Enhancement ist ein gigantisches Versprechen mit völlig ungeklärten Nebenwirkungen.

(Foto: dpa)

Als die Blicke der Kollegen sich verändern, bemerkt er, dass nicht alles in seinem Sinne läuft. Der Mann ist Ende 40, er hat lange in einer Mailänder Bank gearbeitet. Und er hat sie geliebt, diese Blicke, wenn er mal wieder in unglaublicher Zeit unglaubliche Dinge weggearbeitet hatte. Wenn er auch nach zwölf Stunden noch in der Lage war, sich auf letzte Details in einem Zahlenwerk zu konzentrieren. Wenn er sich Dinge einprägen konnte, vor denen die anderen kapitulierten.

„Aber dann“, sagt der Mann, der in der folgenden Stunde viel berichten wird, aber seinen Namen nicht öffentlich machen möchte, „änderte sich irgendwann irgendwas in diesen Blicken. Aus der Bewunderung wurde Befremden.“

Als der Mann in einem lichten Moment seine Gegenüber nach diesem Befremden fragte, irritierten ihn die Antworten. „Launisch.“ „Roboterhaft.“ „Maskiert.“ So sahen die anderen ihn plötzlich, der sich selbst für leistungsstark, fokussiert, brillant gehalten hatte. Dafür hatte er das Zeug ja genommen. Modafinil.

„Es half am Anfang dabei, dass ich mich sammle, dass ich gleichzeitig angespannt und ruhig war“, sagt der Mann. „Und als ich sah, dass ich damit mit meinen Sachen besser und schneller vorankam, hab ich es eben häufiger genommen. Es schien, als habe ich an mein Hirn eine zusätzliche Festplatte angebaut.“ Nur dass diese Festplatte einige Nebenwirkungen hatte und sich irgendwann abnutzte. So schildert er es jedenfalls. Und bringt damit ein Dilemma auf den Punkt, das sich in Vorstandsetagen wie Büros gleichermaßen ausbreitet: Getrieben von Leistungsdruck und Selbstoptimierungsparadigma versuchen Manager, Arbeitnehmer und Leistungsträger in immer größerem Ausmaß, nach ihren Körpern nun die Leistungsfähigkeit ihrer Gehirne zu optimieren. Das sogenannte Neuro Enhancement ist Trend wie klinischer Befund gleichermaßen; ein gigantisches Versprechen mit völlig ungeklärten Nebenwirkungen. Und so lange technologische Erweiterungen des Gehirns, wie sie etwa Facebook-Chef Marc Zuckerberg, Google-Vordenker Ray Kurzweil oder Multi-Unternehmer Elon Musk für die nächsten Jahre versprochen haben, noch auf sich warten lassen, greifen immer mehr Menschen zu pharmazeutischen Möglichkeiten der Selbstoptimierung. Mit ungeahnten Folgen.

 

Leistung, die Leiden schafft

Einfach bei sich zu bleiben, das ist nicht das größte Talent des Menschen. Archäologische Funde aus der Zeit um 2000 vor Christus belegen, dass wir schon lange auf der Suche nach der eigenen Transzendenz sind. Bei einer Ausgrabung in Argentinien entdeckten Forscher kleine Pfeifen, die aus ausgehöhlten Pumaknochen geschnitzt und mit Samenresten des Cohoba- oder Yopo-Baums (Anadenanthera peregrina) gefüllt waren. Diese Samen der Pflanze aus der Familie der Hülsenfrüchtler enthalten das Halluzinogen DMT (Dimethyltryptamin)                                                                 Bei Genuss tritt man für etwa fünfzehn Minuten in einen Zustand der Bewusstseinsveränderung über, begleitet von Halluzinationen, erotischen Ekstasen oder Flugerlebnissen. Im ungünstigen Falle einer zu hohen Dosierung entstehen Kopfschmerzen, Übelkeit und Erbrechen und am nächsten Tag ein schnöder Kater. Offenbar waren Menschen sehr früh so findig, die pulverisierten Samen in einer Pfeife zu verdampfen und sich den Rauch zu Kopf steigen zu lassen. Yopo als frühbronzezeitlicher Vorläufer eines Joints.

Über sich hinauszuwachsen, die Grenzen der eigenen Sinneserfahrungen zu überschreiten, dafür haben Menschen oft sogar ihr Leben riskiert. Viele Beispiele aus der Vergangenheit zeigen, dass ein Forscher- und Erkenntnisdrang Ursache für gefährliche Selbstversuche war. Albert Hofmann, der Entdecker des LSD, beschreibt seine Experimente mit dem starken Halluzinogen als unglaubliches Erlebnis mit fantastischen Bildern und einem kaleidoskopartigen Farbenspiel: „Ich war mir bewusst, dass der neue Wirkstoff LSD mit derartigen Eigenschaften in der Pharmakologie, in der Neurologie und ganz besonders in der Psychiatrie von Nutzen sein müsse.“

Deutlicher Anstieg des Medikamentenmissbrauchs

Der britische Schriftsteller Aldous Huxley experimentierte in den Fünfzigerjahren mit Drogen, vor allem mit LSD, um sich in die Tief- und Abgründe des Menschen zu versenken. Ihn trieben neben einem draufgängerischen Experimentiergeist erkenntnisphilosophische Fragen um: „Wie können geistig Gesunde je erfahren, was für ein Gefühl es eigentlich ist, wahnsinnig zu sein? Oder wie können wir, wenn wir nicht eben ein Visionär, ein Medium oder ein musikalisches Genie sind, je in die Welten gelangen, in denen Blake, Swedenborg, Johann Sebastian Bach sich bewegten?“

Es muss um das Jahr 2010 herum gewesen sein, dass die ersten Berichte über den zunehmenden Einsatz von Medikamenten zur Leistungssteigerung in Prüfungsphasen oder auch im Arbeitsalltag durchs Internet geisterten. Es gibt kaum offizielle Zahlen über den Medikamentenmissbrauch zur Leistungssteigerung. Aber dass er stattfindet, ist seit Jahren kein Geheimnis mehr. An der Harvard University schwirrte 2010 die (natürlich nie verifizierte) Zahl von 80 Prozent der Studierenden herum, die in Prüfungszeiten das Medikament Ritalin zu sich nähmen. Ritalin ist der bekannteste Markenname für Methylphenidat, bei dem es sich um ein Amphetaminderivat handelt. Das Medikament wird zur Behandlung von Aufmerksamkeitsstörungen und Hyperaktivität gebraucht. Oder eben missbraucht zur Bekämpfung von Müdigkeit und Schlaf in Belastungsphasen.

Einige Statistiken zeigen, dass der Gebrauch des gängigsten Medikaments zur geistigen Leistungssteigerung erheblich zugenommen hat. Nach Angaben des Suchtkontrollrats der Vereinten Nationen ist die Zahl der täglichen Dosen von Methylphenidat weltweit von etwa 50 Millionen im Jahre 1990 auf fast 2,5 Milliarden in 2013 angestiegen. Die erste Verbreitungswelle ist für den Beginn der Neunzigerjahre verzeichnet. So war die weltweite Nutzung 1994 fünf Mal so hoch wie 1980, ein wesentlicher Teil davon entfiel (und entfällt auch heute noch) auf den US-amerikanischen Markt. Aber auch in einigen europäischen Ländern, darunter Deutschland, ging die Kurve seit Beginn der Neunzigerjahre steil nach oben.

Ähnlich wirken auch Amphetamine, die ebenfalls zur Therapie von Aufmerksamkeits- oder Hyperaktivitätsstörungen verschrieben werden. Amphetamine regen aktiv die Ausschüttung von Neurotransmittern an. Die höhere Konzentration von Botenstoffen versetzt auch bei diesem Medikament die Nervenzellen in Alarmbereitschaft, so dass man sich besser konzentrieren kann. Es steigert das Selbstwertgefühl und führt zu einem euphorischen Empfinden. Das in den USA gängigste Medikament ist Adderall, das beinahe zur Legende im Missbrauch von Medikamenten zur Leistungssteigerung geworden ist.

Mode-Doping des Managements

Ritalin und Adderall ersticken die Impulsivität und sind deshalb in der Therapie von ADHS-Erkrankungen sinnvoll und effektiv einsetzbar. Gesunde Menschen können mit dem Stoff einen ausgeprägten Fokus entwickeln: keine Ablenkung mehr, kein Abschweifen zu anderen, weniger fordernden Tätigkeiten, kein Prokrastinieren. Acht Stunden am Stück ohne Pause pauken? Kein Problem. Die Nacht hindurch lernen und die nächste auch? Kein Problem. Überstunden kloppen bis tief in die Nacht, um ein Projekt nach dem anderen abzuarbeiten? Auch kein Problem. Das klingt für viele offenbar reizvoll. Nicht nur an amerikanischen Elite-Universitäten, sondern auch in deutschen Büros. Eine Studie der DAK hat für Deutschland 2015 ermittelt, dass fast drei Millionen Menschen schon einmal stimulierende Medikamente genommen haben, um im Job fitter zu sein oder Stress am Arbeitsplatz auszuhalten.

Das Gehirn auf Ninja-Niveau boosten

Seit einigen Jahren ist neben Ritalin ein anderes Medikament zur Leistungssteigerung in Gebrauch. Modafinil, bekannt auch als Vigil oder Provigil, wird zur Bekämpfung der Schlafkrankheit Narkolepsie eingesetzt. Bei Menschen, die nicht unter der Krankheit leiden, kann der Stoff stimulierend wirken, wach machen und die Konzentration fördern. Ein Mittel gegen Schlafkrankheit soll das Gehirn auf Ninja-Niveau boosten. Nächtelang durchzuarbeiten, das klappt für manch einen auch mit Modafinil hervorragend, wie sich in vielen Internetforen ausgiebig nachlesen lässt. Das Medikament wirkt anders als Ritalin. Es soll nicht zu vergleichbarer zu sozialer Abstumpfung führen und auch kreative Arbeiten am Fließband möglich machen. Wie es genau wirkt, ist allerdings nicht in allen Details geklärt. Deshalb ist mit Vorsicht zu genießen, wenn die Suchtgefahr bei Modafinil derzeit geringer eingeschätzt wird als bei Ritalin. Im Silicon Valley hebt der Trend zur medikamentösen Stimulation und Leistungssteigerung des Gehirns seit einiger Zeit besonders ab, und insbesondere Modafinil gilt als nicht mehr ganz so geheimer Tipp für die richtige Denk- und Arbeitshaltung. Die amerikanische Website „TechCrunch“ erklärte Modafinil schon 2008 zur „Pille der Wahl für Unternehmer“. Das klingt nach Einsatz, Entschiedenheit und Erfolg. Der letzte Schrei im Valley aber ist das „Microdosing“ von LSD. Eine Minidosis von etwa zehn Mikrogramm alle paar Tage soll helfen, sich besser zu konzentrieren und konsequent zu vernetzen. Das ist etwa ein Zehntel der Menge, die man für einen veritablen Trip braucht. Das ist die neue Normalität der Selbstoptimierer.

Die Gefahren des Hirn-Dopings

Curt Diehm kennt die Tricks der Leistungselite. Der Internist ist ärztlicher Direktor der Max-Grundig-Klinik in Bühl bei Baden-Baden, die sich auf die Behandlung von Führungskräften spezialisiert hat. Immer wieder hat er mit Patienten zu tun, die mit Managerdrogen ihre Leistungsfähigkeit steigern wollen. „Es ist allerdings schwierig, das in der Anamnese aus ihnen herauszukriegen. Die Patienten haben Angst sich zu outen“, sagt er. Schuld sei der enorme Druck in den Unternehmen. Der Internist warnt vor den Nebenwirkungen von Neuro-Enhancern wie Ritalin und Modafinil: „Durch Ritalin ändert sich die Persönlichkeit.“ Affekte würden häufig unterdrückt, die Kommunikationsfähigkeit werde eingeschränkt, die Kreativität verschlechtere sich markant. Zu den Nebenwirkungen zählen Müdigkeit, Schwindel, Sehstörungen oder gar depressive Episoden. Außerdem kann Ritalin abhängig machen.

Genau wie Modafinil, das Diehm als „ideales Aufputschmittel“ beschreibt, das „weniger in der Party-Welt als in der Arbeitswelt“ missbraucht wird. Der Mediziner warnt davor, dass Modafinil den Schlafrhythmus völlig durcheinander bringe. Patienten berichten von Panikattacken, Angstzuständen, manischen Störungen und Halluzinationen, bei einigen verbunden mit Suizidgedanken. Diehms Fazit: Finger weg. „Solche Präparate bilden in keinem Fall eine Alternative zu einem gesunden und ausgewogenen Lebensstil.“ Gegen Stress empfiehlt er Power-Naps am Mittag und autogenes Training. „Dazu sind aber wenige Manager bereit.“

Der Mailänder Banker hat übrigens mit den Pharmazeutika aufgehört. Und mit dem Bankertum gleich auch. Er hat irgendwo in Italien einen Landwirtschaftsbetrieb übernommen und arbeitet dort an seinem eigenen kleinen Werk. „Das ist auch bewusstseinserweiternd“, sagt er. „Nur ganz anders.“